Friedensgemeinde und Salzertgemeinde Lörrach

Predigt 11.02.2017, Amos 5, 21-24

Liebe Gemeinde,

wie viele von Ihnen, von euch glauben, dass Gott uns wie eine liebende Mutter und ein zärtlicher Vater liebt? Gibt es Menschen unter uns, die sagen würden: So stimmt es aber nicht? Falls ja, wäre ich sehr daran interessiert, welche Gründe sie dafür haben. Und welche Gründe haben die anderen, um es zu sagen, dass Gott uns liebt?

Und wir? Lieben wir Gott? Wie lieben wir ihn? Wie zeigen wir unsere Liebe ihm gegenüber? Wovon wird es klar, dass wir ihn lieben? Wenn ich den Armen zu essen gebe, nennen sie mich einen Heiligen. Wenn ich frage, warum die Armen kein Essen haben, nennen sie mich einen Kommunisten. So sagte einmal Dom Hélder Câmara. Er war ein brasilianischer Erzbischof von Olinda und Recife. Er wurde im Jahre 1909 geboren, und starb im Jahre 1999. Er wurde im Laufe seines Lebens und seiner Zeit als Priester und Bischof ein großer Vorsprecher der Armen und der dritten Welt. Er war Bischof in einem Land, der unter einer faschistischen militärischen Diktatur litt. Und er engagierte sich für eine neue Welt, eine neue Gesellschaft. In Worten und Taten. Er wurde ein „roter Bischof“, wie er genannt wurde. Aber das, was er wollte, war, die Gerechtigkeit Gottes wirken zu lassen. In Worten und Taten. Wie in seinem Bischofwappen stand: In Manus Tuas Domine; auf Deutsch: In Deine Hände, oh Herr. So zeigte Dom Hélder Câmara, dass er Gott liebte. Mit einer sehr tiefen und gelebten Frömmigkeit. Und mit dem Blick auf die Welt, um in ihr die Ungerechtigkeit zu sehen, zu erleben und zu nennen. Und um die Welt zu ändern.

Ich lese im Buch des Propheten Amos, Kapitel 5 den Text für den heutigen Sonntag: Ich hasse und verachte eure Feste und mag eure Versammlungen nicht riechen – es sei denn, ihr bringt mir rechte Brandopfer dar –, und an euren Speisopfern habe ich kein Gefallen, und euer fettes Schlachtopfer sehe ich nicht an. Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach.

 Ist der christliche Glaube politisch? Nach Versen wie diese scheint die Antwort auf eine solche Frage voraussehbar. Mehr: Sie scheint bedingt. Hier Gott scheint sich nicht von den Gottesdiensten der Gläubigen zu interessieren. Und das ist euphemistisch gesagt! Tu weg von mir das Geplärr deiner Lieder; denn ich mag dein Harfenspiel nicht hören! Wir können uns heute fragen: Und den Orgelspiel? Und die neue Lieder? Und die Bandmusik? Die Antwort wäre leider die gleiche: Tu sie weg! Denn das Problem ist nicht, dass Gott die Harfe nicht hören kann und will. Wenn es so wäre, wäre alles einfacher! Wir bräuchten, nur andere Musikinstrumente zu verwenden…! Und wir tun es schon! Nein, das Problem ist ein tieferes. Grob gesagt lautet es so: Welchen Sinn macht, den Gottesdienst in einer ungerechten Gesellschaft zu feiern? Dia Antwort Gottes ist: Keinen! Egal ob er  hochliturgisch oder charismatisch,  freikirchlich oder landeskirchlich, eher formell oder informell gefeiert wird. Denn es ist das Feiern selbst, das keinen Sinn macht!

Wenn es aber so ist, dann haben wir ein Problem. In welcher Gesellschaft leben wir heute, am 11. Februar 2018? Ist unsere Gesellschaft, ist unsere Welt gerecht? Wenn wir mit ja auf die Frage antworten können, dann ist es berechtig, dass wir uns hier heute treffen! Aber was, wenn nicht?! Sollen wir jetzt, gerade jetzt aufstehen, und etwas verlassen, das einschneiend keinen Sinn für Gott macht? Und ich als Pfarrer? Soll ich schlussfolgern, dass den Herzstuck meiner Arbeit keinen Sinn macht? Bevor ich so etwas tue, bevor wir unsere geliebte Gemeinde und unsere geliebte Kirche verlassen, sollen wir wenigsten darauf schauen, ob es vielleicht eine andere Deutung für die Worte Gottes gibt.

Gott hasst und verachtet unsere Feste und kann unsere Versammlungen sogar nicht riechen. Das ist klar. Es steht so geschrieben. Und es sind keine zu mistverstehende Worte! Sie sind zu deutlich dafür! Aber sind unsere Gottesdienste an sich das Problem? Oder ist eine bestimmte Art Gottesdienste das Problem? Ich glaube, es ist eher die zweite Überlegung… Es sind Gottesdienste, die unser Leben nicht erneuen, das Problem. Das Problem sind Gottesdienste, die nicht mit einem sozialen Engagement verbunden sind, um die Welt und die Gesellschaft zu ändern! Warum? Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Weil Gott wünscht sich das! Und was er sich wünscht, ist nicht wenig!

Gott, sollen unsere Gottesdienste nicht festlich sein? Sollen unsere Versammlungen nicht lebendig sein? Sollen unsere Gottesdienste nicht bunt und musikalisch gut gestaltet sein?  Oder willst du traurige Gesichter, ernste Persönlichkeiten, die sich sehr ernst nehmen? Menschen die wissen, wie würdig du bist, und deswegen sich als unwürdig halten, oder mindesten sagen, sich so zu halten? Willst du ein Volk von Künstlerinnen und Künstlern, Poetinnen und Poeten, Musikerinnen und Musikern, Schriftstellerinnen und Schriftstellern,  Träumerinnen und Träumern? Oder willst du ein Volk von Bürokratinnen und Bürokraten, von Behörden deines Heiligtums? Du musst es uns sagen! Aber… hast du uns es nicht schon gesagt? Sagst du uns es nicht immer wieder? Bis heute? Doch! Du sagst uns mit Worten wie diese von Amos sehr klar, was du willst! Du willst Leben; Lebendigkeit; Leidenschaft; Engagement; Begeisterung; Kreativität! Und damit verbunden: Du willst, dass das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach strömen! Klarer hättest du nicht sagen können!

Moment. Aber wir feiern doch die 500 Jahre Reformation! Bist du Gott etwa katholisch? Denn das klingt nach Werke! Wir sollen, wir müssen so und so sein; wir sollen, wir müssen das und das erreichen, ansonsten willst du mit uns nichts zu tun haben! Das klingt nach Werkgerechtigkeit! Sei ferne! Gerade im Lutherjahr! …Oder nicht?

Aber Gott, du bist bestimmt nicht katholisch, und auch nicht evangelisch, sowie nicht orthodox…! Und du brauchst von uns nicht einen leeren Aktivismus voller Regeln, oder schlimmer einen dürren Moralismus! Du sagt uns nämlich nicht: Ihr musst so und so tun, um mir zu gefallen. Du sagst: Es ströme aber das Recht wie Wasser und die Gerechtigkeit wie ein nie versiegender Bach. Warum? Weil du diese Welt liebst! Du liebst deine Schöpfung! Du liebst die Menschen! Egal welchen Status sie haben! Egal ob sie reich oder arm sind! Egal ob sie Mächtige oder Außenseitern sind! Aber du hassest, wenn die Mächtigen die Schwachen ausnutzen, und wenn die Reichen auf den Schultern der Armen reicher werden. Das ist der Grund, warum du immer auf der Seite der Letzten zu finden bist. Und deine Kirche muss das berücksichtigen, wenn sie beten will: Dein Wille geschehe.

Gott, du liebst uns mit ganzem Herzen! Aber nicht nur uns liebst du so! Du liebst die ganze Welt mit ganzem Herzen! Und wenn wir in unseren Gottesdiensten so tun, wie ob du nur uns lieben würdest, dann gefallen sie dir nicht! Denn so begrenzen wir deine Liebe. Deine Liebe ist aber nicht zu begrenzen! Was bedeutet aber, an dich zu glauben? Es bedeutet, eine neue Identität zu haben! Ja, es bedeutet, neue Menschen zu werden! Wie? Indem wir durch das Leben gehen, und  gleichzeitig auf dich achten: auf das, was du bist; auf das, was du willst; auf das, was du uns zeigt und darauf, wie und wo du es uns zeigt.

All das braucht aber Training! Es ist wie, wenn wir einen Marathon laufen wollen; oder wenn wir eine lange Strecke schwimmen wollen. Wir können nicht, einfach unsere Sportschuhe anziehen und los rennen; wir können nicht, einfach ins Wasser springen, und los schwimmen. Wir brauchen Übung, Belastbarkeit und Bewusstsein unserer Kräfte und unserer Grenzen. Wir brauchen Training. Auch um an Gott zu glauben, brauchen wir Training. Um es zu versuchen, die Welt ein bisschen mit seinen Augen zu sehen. Um es zu versuchen, in uns seine Liebe zu spüren und sie ein bisschen weiterzugeben. Um es zu versuchen, die Wunder, die er uns schenkt, in unserem Alltag überhaupt zu sehen. Um es zu versuchen, uns für seine Gerechtigkeit und sein Recht einzusetzen. Um in Worten und Taten tatsächlich zu beten: Dein Reich komme, dein Wille geschehe.

Keine Angst Luca, Gott liebt seine Kirche. Er liebt ihre Feste und ihre Versammlungen. Er liebt ihre Musik, egal welche sie ist, und wie sie gesungen und gespielt wird. Und er liebt sogar die Pfarrerinnen und die Pfarrer, auch wenn es nicht immer einfach ist… Denn schau mal: Er liebt sogar dich! Und bestimmt liebt er auch die Gläubigen, die sich treffen, um zu ihm zu beten, und auf ihn zu hören. Was er hasst und verachtet; was er sogar nicht riechen kann, ist aber, wenn Feste, Versammlungen, Lieder, Gereden, Zusammensein und Formen zum Selbstzweck werden. Denn: Wenn all das zum Selbstzweck wird, dann zeigen wir ihm damit, dass wir keinen Training im Glauben haben.

Was ist wichtiger für Gott: Beten oder Handeln? Auch nach einem Text wie dem Text vom Propheten Amos bleibt eine solche Frage nicht die richtige. Für Gott ist nämlich das wichtig: Beten und Handeln. Durch Einzel- und Zusammenbeten, Gottesdienste, Gemeindeleben, Gemeinschafts- und Geschwisterlichkeit-Erfahrungen, und christliche Bildung schärfen wir unsere Augen, unsere Herze und unsere Verstand, sodass sie das erleben können: Gott ist gegenwärtig!

Aber wenn Gott, jetzt, hier gegenwärtig ist, wenn seine Gegenwärtigkeit zu spüren, zu erleben und zu leben ist, dann muss auch sein Traum für seine Schöpfung, für diese Welt vorangebracht werden. Von wem? Von denjenigen, die an ihn glauben!  Wie? Ich zitiere noch Dom Hélder Câmara: Wenn einer allein träumt, ist es nur ein Traum. Wenn viele gemeinsam träumen, ist das der Anfang einer neuen Wirklichkeit. All das, was diesen Satz verwirklichen kann, lieb Gott vom ganzen Herzen! Und wie! All das, was gegen diesen Satz spielt, hasst Gott vom ganzen Herzen! Und wie! Wo steht unsere Kirche? Wo steht unsere Gemeinde? Wo stehen wir?

Amen.

 

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