Friedensgemeinde und Salzertgemeinde Lörrach

Predigt am 31.12.2017 - Jahresabschlussgottesdienst, Exodus 13, 20-22

Liebe Gemeinde,

wir stehen auf der Schwelle. Wir sind heute am Ende des Jahres 2017 und erkennen noch undeutlich das Jahr 2018, das zu uns kommt. Heute spüren wir besonders deutlich, wie unser Leben dazwischen steht. Denn wir sind zwischen zwei Jahren. Wir stehen zwischen Trennung und Aufnahme. Heute ist das uns besonders klar. Aber es ist nicht immer so? Es ist nicht eine Konstante unseres Lebens, zwischen Trennung und Aufnahme zu sein? Jeden Tag, jede Minute, sogar jede Sekunde verabschieden wir uns von etwas und nehmen etwas von der Zukunft entgegen. Das ist spannend, aber nicht immer einfach. Ein Teil unseres Lebens blendet aus, und ein Teil unseres Lebens blendet ein. Immer. Ohne Pause. Wir machen uns auf den Weg in die Zukunft, egal ob wir das wollen oder nicht. Wir können nicht anders. Wir wandern. Wir pilgern. Auch wenn wir es nicht wollen. Und unser Leben wird zu einer Wallfahrt: Eine besondere Wallfahrt; keine Wahlfahrt in einen „heiligen“ Ort, sondern eine Wahlfahrt an der Suche nach Gott. Es ist wie, wenn wir am Morgen lange schlafen. Gerade in diesen ruhigeren Tagen, in denen manche von uns Urlaub haben, und die Kinder nicht in die Schule gehen müssen, kann es passieren: Man schläft länger. Und am Morgen, wenn wir zwischen Schlafen und Bewusstsein stehen – noch nicht richtig wach, aber auch nicht im tiefen Schlaff – kann es sein, dass Traum und Realität sich für eine kurze Zeit vermischen. Wir stehen mehr oder weniger bewusst auf der Schwelle zwischen zwei Welten.

Mit diesem Bild im Kopf lese ich den Text für den heutigen Gottesdienst. Er steht im zweiten Buch Moses, Kapitel 13. Ich lese ihn vor:  So zogen sie aus von Sukkot und lagerten sich in Etam am Rande der Wüste. Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Es ist eine berühmte Geschichte. Es ist die Geschichte der Befreiung Israels aus der Sklaverei in Ägypten. Gott will sein Volk befreien. Gott hört den Hilferuf, den Hilfeschreien seines Volkes. Gott rührt sich und will seinen Kindern die Zukunft, eine bessere, freie Zukunft eröffnen. Seine Kinder machen sich auf den Weg in diese Zukunft, und Gott begleitet sie. Gott geht mit ihnen.  Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht. Israel, Gottes Volk steht auf der Schwelle zwischen zwei Welten, und Gott ist mit ihm da: Er ist gerade auf der Schwelle, wenn ein Teil des Leben ausblendet, und ein anderer Teil einblendet. Eigentlich ist die Lage Israels gegenteilig zur Lage, die wir erleben, wenn wir länger schlafen. Da bewegen wir uns vom Traum zur Realität. Hier bewegt sich Israel von der Realität – einer harten Realität – zum Traum: Von der Sklaverei zum Land, wo Milch und Honig fließen.  Und wie es nicht immer am Morgen einfach ist, aus den Träumen zu erwachen, und die Realität ins Gesicht zu schauen, so ist auch der andere Weg nicht immer schmerzfrei. Ja, auch der Weg von der Realität zum Traum kann schwierig sein. Denn das Land, wo Milch und Honig fließen, ist nicht einfach und nicht bald zu finden. Auch wenn Gott dabei ist. Die Geschichte Israels zeigt uns es sehr deutlich.

Was macht Angst, wenn man auf der Schwelle steht? Die Ungewissheit. Es ist die Ungewissheit, die uns verunsichert. Es ist die Ungewissheit, die uns entmutigt, denn wir Menschen sind am Ende mehr oder weniger Gewohnheitstiere. Und was ist Glaube? Was ist der christliche Glaube? Was ist unser Glaube? Haben Sie, habt ihr eine Antwort auf diese Frage? Wenn Sie sollten, wenn ihr solltet eine Definition vom Begriff „Glaube“ abgeben, was würden Sie, was würdet ihr schreiben oder sagen?

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet. Heute haben wir nicht das traditionelle Glaubensbekenntnis ausgesprochen, sondern haben wir unseren christlichen Glauben mit den Worten von Dietrich Bonhoeffer bekannt. Und am Ende dieses für mich wunderschönen Glaubensbekenntnisses stehen diese Worte. Ich wiederhole sie: Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet. Und ich stelle sie mit den Worten unseres Textes für heute zusammen: Und der Herr zog vor ihnen her, am Tage in einer Wolkensäule, um sie den rechten Weg zu führen, und bei Nacht in einer Feuersäule, um ihnen zu leuchten, damit sie Tag und Nacht wandern konnten. Niemals wich die Wolkensäule von dem Volk bei Tage noch die Feuersäule bei Nacht.

Vielleicht war meine Frage nicht die richtige Frage… Denn Glaube ist kein Begriff. Glaube ist kein Test, wo das richtige Wort oder die richtige Erklärung anzukreuzen ist. Glaube ist Vertrauen. Und das ist viel schwieriger, als die richtige Definition eines Begriffes zu finden. Glaube bedeutet, auf der Schwelle zu sein, und die Wolkensäule zu sehen, die uns den rechten Weg zeigt. Glaube bedeutet, auf der Schwelle zu sein, und die Angst vor die Ungewissheit zu spüren, denn es geht nicht anders: Wir müssen durch diese Angst gehen! Und der Glaube erspart uns das nicht. Aber Glaube bedeutet auch, eine Feuersäule in der Dunkelheit zu sehen, damit wir auch in der Dunkelheit, wenn alles unscharf, undeutlich, furchtbar und sogar gefährlich scheint, wandern können. Das ist Glaube: Nicht mehr und nicht weniger. Und es ist schon viel!

Ich glaube, dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet. Warum haben wir Angst vor der Ungewissheit? Wahrscheinlich, weil wir uns fühlen, wie ob wir in eine teilnahmslose, wenn nicht bedrohliche Welt geworfen sind. Wann ist die Angst am größten? Wenn wir uns ausgeliefert fühlen. Wenn wir den Eindruck haben, die Zukunft, unsere Zukunft nicht in unseren Händen zu haben. Dann kommt es dunkel und betrübt in unserem Verstand. Dann wird es alles unscharf und gleichgültig, wenn nicht tatsächlich ohne Sinn. Denn es ist ungläubig hart anzunehmen, dass es der Welt egal ist, ob wir da sind, oder nicht. Und unsere einzige Zuflucht sind dann Familie und Freundinnen und Freunden. Ohne sie hätte alles richtig keinen Sinn!

Nicht aber, wenn wir glauben,   dass Gott kein zeitloses Fatum ist, sondern dass er auf aufrichtige Gebete und verantwortliche Taten wartet und antwortet. Nicht wenn wir glauben, dass er uns auf den rechten Weg führt und auch in den Dunkelheit da ist, um es uns zu ermöglichen, weiter in die Zukunft zu wandern. Nicht wenn wir glauben, dass er da ist, gerade wenn es ein Gefahr gibt; gerade wenn es unklar ist, was wir brauchen.

Jahrhundertelang hat die Kirche davon gesprochen, wie wir Gott treu sein sollen. Und ich finde es wichtig, Gott treu zu sein. Nur: Zu oft bedeutete es eher, dem Papst, dem Bischof, der Pfarrerin oder dem Pfarrer, der politischen Autorität, der religiösen Autorität, oder der menschlichen Autorität treu zu sein. Mit allem Respekt: Sie sind aber nicht Gott. In den zwischenmenschlichen Beziehungen geht es nicht ohne eine bestimmte Treue, aber diese Treue kann nicht Unterwerfung bedeuten. Manchmal hat die Kirche leider gerade Unterwerfung verlangt. Und das ist in erster Linie unchristlich.

Wir können das Bild aber auch umdrehen und sagen: Gott ist uns treu. Er verlangt ja unsere Treue, aber nur, weil er uns treu ist; nur weil er in uns verliebt ist. Und gerade,  wenn wir von ihm abhängig sind, weil unsere Zukunft unklar ist, zeigt er uns seine Treue.    

Das ist einfach zu sagen, ist aber schwieriger im Alltag zu leben. Israel zeigt uns es deutlich wieder. Gott war mit ihm auf dem Weg in die Freiheit. Und trotzdem verirrte sich das Volk; trotzdem verlor das Volk Gott und einander aus den Augen; trotzdem verzweifelte das Volk an der göttlichen Führung. Das goldene Kalb ist das beste Zeichen dafür. Wir sind nicht besser. Wir verirren uns immer wieder; wir verlieren Gott und einander aus den Augen; wir verzweifeln an der göttlichen Führung. Wir bauen unser goldenes Kalb. Gott aber bleibt uns treu, koste, was wolle. Das kann leider aber nicht verstanden oder gelernt werden, wie ob es eine mathematische Formel, oder ein Gesetz wäre. Das muss gespürt werden. Mit allen Sinnen.

Und ich wünsche mir, uns, der christlichen Kirche und der ganzen Welt, heute, in dieser Zeit auf der Schwelle das: Möge Gott uns im Jahre 2018 besonders deutlich spüren lassen, dass er mit uns geht, egal was passiert; dass er uns liebt, immer; dass er uns unser Wohl und das Wohl dieser Welt will. Mögen wir weniger Angst und mehr Selbstbewusstsein haben, um in die Zukunft zu wandern. Und wenn die Zukunft Gottes Zukunft ist, dann mögen wir Gott in den Gesichtern unserer Geschwister finden, und mit ihnen es versuchen, den Traum Gottes für diese Welt zu verwirklichen.

Amen.

 

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